Seeing Sounds
Über Musik und Freiheit
Mit der Ausstellung Seeing Sounds präsentiert das Museum van Bommel van Dam die Werke von vier Künstlern verschiedener Generationen, für die Musik untrennbar mit Freiheit verbunden ist – persönlich, politisch und künstlerisch. Sedje Hémon, Sam Middleton, Dion Rosina und Raafat Ballan zeigen, dass Musik nicht nur ein Thema sein kann, sondern auch eine Methode und eine Form des Widerstands. In ihren Werken verweben sie musikalische Elemente wie Komposition, Improvisation, Sampling und Zusammenspiel, um Freiheit, Identität und Verbundenheit darzustellen.
Ein Dialog zwischen den Generationen über Kunst, Musik und Freiheit
Obwohl Hémon, Middleton, Rosina und Ballan aus unterschiedlichen Generationen und Kulturen stammen, teilen sie dieselbe Überzeugung: dass in der Musik sowohl Inspiration als auch eine Methode zu finden ist, die soziale, politische und künstlerische Grenzen durchbrechen kann. Seeing Sounds vereint nun ihre Variationen zu diesem Thema in einer Ausstellung, die die Rolle der Musik in den vier Œuvres spürbar macht und interessante Gemeinsamkeiten aufzeigt. Die Arbeiten der vier Künstler zeigen so, wie Musik – vom Jazz bis zum Hip-Hop – zu einer visuellen Sprache wird, die Freiheit greifbar macht.


So entwickelte Sedje Hémon (1923–2011), die nach ihrer Rückkehr aus den Konzentrationslagern körperlich nicht mehr in der Lage war, Geige zu spielen, eine einzigartige Methode, abstrakte Kunst auch als Musikstück aufzuführen. Ihre Malerei-Kompositionen sind ein wenig beachtetes Kapitel der niederländischen Kunstgeschichte. Ihr Zeitgenosse Sam Middleton (1927–2015), der im New Yorker Stadtteil Harlem aufwuchs und später in den Niederlanden tätig war, übersetzte die Rhythmen und Improvisationen des Jazz in Collagen und Gemälde. In seinem Werk sind die afroamerikanische Kultur und der Kampf für Bürgerrechte spürbar. Jahrzehnte später schöpft Dion Rosina (1991) in ähnlicher Weise aus der Sample-Kultur des Hip-Hop: Er verwendet bestehende Bilder wieder, um Raum für lange ignorierte Geschichten und Gemeinschaften zu schaffen. In den Gemälden von Raafat Ballan (1990) spielen Musiker eine entscheidende Rolle. Für ihn ist Musik eine soziale Praxis – etwas, das Menschen zusammenbringt und Raum für Sinnstiftung und Verbundenheit schafft.
Mit Augen und Ohren sehen
Seeing Sounds lädt die Besucher dazu ein, die Werke von Hémon, Middleton, Rosina und Ballan auch im Dialog mit Klang zu erleben. Vier Hörstationen mit sorgfältig ausgewählten Schallplatten machen die musikalischen Welten der Künstler hörbar. Die Besucher können selbst stöbern, auswählen, lauschen und entdecken, wie Musik ihren Blick auf die Kunstwerke verändert.
Einzigartig ist, dass verschiedene Gemälde von Sedje Hémon tatsächlich als Musikstücke aufgeführt wurden. Einige davon sind in Interpretationen zu hören, die speziell für die Ausstellung ausgewählt wurden. So kann sich ein breites Publikum in Hémons Vision hineinversetzen, dass abstrakte Malerei und Musik dieselbe Sprache sprechen.


Publikumsprogramm: Zuhören, Mitgestalten, Erleben
Das Publikumsprogramm von Seeing Sounds richtet sich an Kinder, Jugendliche und Erwachsene und untersucht die Verflechtung von Klang, Bild, Identität und Freiheit. Neben den Hörstationen machen Workshops, Gespräche, Performances und pädagogische Projekte diese Ausstellung zu einer multisensorischen Erfahrung.
Teil des Publikumsprogramms ist auch eine Zusammenarbeit mit dem Muziekgebouw aan 't IJ für das Kulturfestival Zomerparkfeest. In diesem Mitmachprogramm setzen Festivalbesucher Kunstwerke mit den einzigartigen Instrumenten von SoundLAB in Klang um: von DJ-Tools bis hin zu besonderen Instrumenten aus verschiedenen Kulturen.
Talentförderung: eine immersive Klanginstallation
Nieuwe Helden Next Level (NHNL) ist eine Community für Jugendliche und junge Kreative in Limburg, die ihr Talent innerhalb der Hip-Hop-Kultur entwickeln. NHNL entwickelt in Zusammenarbeit mit dem Museum eine neue Klanginstallation, die auf den Themen der Ausstellung aufbaut. Diese Installation übersetzt Seeing Sounds in ein räumliches Hörerlebnis, in dem die Besucher selbst Teil einer kollektiven Komposition werden.
Die Entwicklung dieser Klanginstallation findet im Lauf der Ausstellung statt und kann ab September im Museum erlebt werden. Die Zusammenarbeit verbindet die Ausstellung mit zeitgenössischen Künstlern, die an der Schnittstelle von Kunst, Klang und gesellschaftlicher Vorstellungskraft arbeiten.


Sedje Hémon – Gemälde, die so klingen, wie sie aussehen
Die jüdisch-niederländische Malerin und Komponistin Sedje Hémon (geb. Sedje Frank, 1923–2011) war als Geigerin ausgebildet und betrachtete die Musik als ihre tiefste Berufung. Während des Zweiten Weltkriegs engagierte sie sich im Widerstand und wurde verraten. Sie überlebte den Krieg, weil sie in Auschwitz im von SS-Leuten gegründeten Lagerorchester spielen musste. Die körperlichen Folgen ihrer Gefangenschaft machten es ihr nach dem Krieg unmöglich, weiterhin Geige zu spielen. Hémon fand jedoch einen neuen Weg, ihre Musikalität auszudrücken – nicht über das Instrument, sondern über die Malerei.
Die abstrakten Werke, die sie schuf, bestehen aus präzise berechneten Kompositionen aus Linien, Flächen und Farben, die wie Musikstücke gelesen und interpretiert werden können. Ihr Œuvre ist ein seltenes Beispiel für ein vollständig ausgearbeitetes System - von Hémon als „Integrationsmethode“ bezeichnet -, in dem bildende Kunst und Musik miteinander verschmelzen.
Hémons Werk wurde in den letzten Jahren wiederentdeckt, verdient jedoch einen festeren Platz im Kanon. Die Ausstellung unterstreicht dies durch die Präsentation eines umfassenden Überblicks über Gemälde und Linolschnitte aus den 1950er- und 1960er-Jahren.


Sam Middleton – Jazz als Bildsprache
Sam Middleton (1927–2015), von dem das Museum van Bommel van Dam dank einer kürzlich erfolgten Schenkung die größte Sammlung von Werken in den Niederlanden besitzt, brachte die Energie des afroamerikanischen New Yorker Stadtteils Harlem nach Europa. In seinen Collagen kombinierte er Fundstücke – von Konzertprogrammen bis hin zu Notenblättern mit Kompositionen, die die Spontaneität und den Rhythmus des Jazz nachahmen. Mit diesen „improvisierten Solos“ stellte der Künstler dar, was Jazz für ihn bedeutete: eine Sprache der Bewegung, des Dialogs und des kulturellen Austauschs. Sein Werk ist Ausdruck der Freiheit, für die er in seinem Heimatland kämpfen musste.
In den letzten Jahren nimmt die internationale Wertschätzung für Middletons Gemälde und Collagen wieder zu, wie Ankäufe und Präsentationen unter anderem durch das Centre Pompidou und das Stedelijk Museum zeigen. Seeing Sounds ist der nächste Schritt in dieser Entwicklung.


Dion Rosina – Sampling als Methode
Der afro-karibisch-niederländische Maler Dion Rosina (1991) fühlt sich zu vergessenen Geschichten, Mythologien und Lebenswegen hingezogen, die aus der offiziellen Geschichtsschreibung ausgeklammert wurden. Daraus wählt er Bilder aus – von Archivdokumenten bis hin zu historischen Fotos –, die er bearbeitet und zu neuen Kompositionen kombiniert.
Der Schlüssel zu seinem Werk ist das aus dem Hip-Hop entlehnte Konzept des Samples. Ein Produzent entnimmt einem bestehenden Song ein Fragment und verarbeitet dieses in einer neuen Produktion. So entsteht ein Dialog zwischen verschiedenen Traditionen und Generationen. Rosina wendet diese Methode auf Bilder an. Indem er sich bestehende Bilder aneignet und sie in einen neuen Kontext stellt, nimmt er einen Erzählraum ein, der lange Zeit den ignorierten Gemeinschaften vorenthalten war. Sein Werk, mit dem er den Königlichen Preis für Freie Malerei 2026 gewann, knüpft an aktuelle Diskussionen über Kulturerbe, Repräsentation und Macht an.


Raafat Ballan – Zusammenspiel
Die kraftvollen, figurativen Gemälde des syrisch-niederländischen Künstlers Raafat Ballan (1990) sind in seinen eigenen Erfahrungen mit Migration und in der Frage verwurzelt, welche Rolle Kultur spielt, wenn sich die Welt um einen herum grundlegend verändert. Musik spielt dabei eine große Rolle. Seine Figuren – singend, spielend oder gerade in der Stille ohne Instrument dargestellt – zeigen das menschliche Bedürfnis nach Rhythmus, Gemeinschaft und Sinn. Musik ist für Ballan nicht nur ein persönlicher Ausdruck, sondern eine soziale Praxis – etwas, das Menschen zusammenbringt und Raum für Sinnstiftung und Verbundenheit schafft.
Das Zusammenspiel von Musikern ist eine Form der Gemeinschaft, nach der er sich als Künstler sehnt. Ballans Gemälde lassen sich daher als Plädoyer für das Atelier als einen Ort der Zusammenarbeit, statt der einsamen Abgeschiedenheit lesen.





























